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500. Reformationsjubiläum ist ein guter Anlass zur Debatte über moderne Religionspolitik

28. März 2017

Berlin: Am Montagabend sprach HVD-Präsident Frieder Otto Wolf im Französischen Dom mit Margot Käßmann, EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017, dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer und dem Politologen und Autor Erik Flügge über die Frage: „Reformation feiern – wieso?“

An den Reformationsfeiern unter staatlicher Beteiligung gab und gibt es auch Kritik. Was feiert der Staat 2017? Und was feiert die Kirche? Ist die Reformation überhaupt ein Grund zu feiern, woran wird eigentlich erinnert und gedacht? Soll der Staat sich an diesem Jubiläum beteiligen oder ist das allein eine religiöse Angelegenheit? Wie entwickelt sich das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft, wenn auf der einen Seite die Mitgliederzahlen sinken, andererseits die Kirche in vielen zivilgesellschaftlichen Feldern immer mehr als Partner an Bedeutung gewinnen, sei es in sozialen Fragen, bei der Begleitung von Geflüchteten oder in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus?

Frieder Otto Wolf kritisierte in der Podiumsdiskussion im Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt die staatlichen Zuschüsse für das Reformationsjubiläum und die vorhergehende „Lutherdekade“. Diese seien einseitig verteilt worden und hätten so allein der „protestantischen Kirche Gelegenheit gegeben, ihre Version der Reformation zu vermitteln“, sagte Wolf. Er sprach sich ebenfalls gegen Zuwendungen der öffentlichen Hand für Kirchentage aus, sofern Förderungen für vergleichbare Ereignisse anderer religiöser oder weltanschaulicher Gruppen nicht zur Verfügung stehen. Für den in diesem Jahr in Nürnberg durchgeführten Humanistentag wurde keine finanzielle Unterstützung durch das Land oder die Kommune gewährt.


Das Podium am Montagabend im Französischen Dom

Aus seiner Perspektive bietet das Reformationsjubiläumsjahr einen weiteren guten Anlass, die Missstände beim Verhältnis zwischen Staat und Kirchen sowie den durch den Status quo gegenwärtig negativ betroffenen Angehörigen von humanistischen Weltanschauungen oder kleineren Religionen zu thematisieren. Es gelte heute, die religionspolitische Ordnung im Sinne des vom Grundgesetz angelegten Modells kooperativer Laizität weiterzuentwickeln. Darunter sei aber nicht zu verstehen, dass generell jegliche Zusammenarbeit zwischen staatlichen und weltanschaulichen bzw. religiösen Institutionen ausgeschlossen werden müsste. In Hinsicht auf die Kirchen hätten entsprechende Kooperationsformen wie etwa beim Religionsunterricht an Schulen viel zur Zivilisierung dieser Religionen in Deutschland beigetragen.

Mit der Reformationsjubiläumsbotschafterin Margot Käßmann zeigte er sich einig, dass auch in Zukunft über konfessionelle Grenzen hinweg Koalitionen für den Frieden, für soziale Gerechtigkeit und gegen Rassismus wichtig sind. Frieder Otto Wolf pflichtete außerdem dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (DIE LINKE) bei, wonach in der weltanschaulich und religiös pluralistischen Gesellschaft Kirchenmitgliederzahlen nicht mehr als absoluter Maßstab für die Partizipation und Teilhabe gelten könnten.

Die Podiumsdiskussion war eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Berlin in Kooperation mit dem rbb inforadio. Ein ausführlicher Bericht mit Mitschnitten direkt aus der Diskussion wird in der Sendereihe „Forum“ am 2. April 2017 um 11.05 Uhr und 20.05 Uhr zu hören sein, der Podcast wird anschließend auf der Website des rbb inforadios zum Nachhören und Herunterladen verfügbar sein.