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Alltägliche Wahrheitspolitik

1. März 2010

Ein Kommentar von Frieder Otto Wolf zu einigen Fallstricken in der aktuellen Debatte, welche Parteien Humanistinnen und Humanisten wählen sollten oder lieber nicht und in welchen Relationen dabei Weltanschauung, Parteinahme, Parteilichkeit und Parteipolitik stehen und wie sich dies dazu verhält, dass die meisten Humanistinnen und Humanisten eher in linken Parteien die legitimeren Nachfolger und Erben der alten „Partei der Freiheit“ und die historische Sonderrolle der deutschen Liberalen sehen:

Der Begriff der „Wahrheitspolitik“ ist für das „hohe“ historische Genre geprägt worden: Paulus gründet in einem wahrheitspolitischen Akt das Christentum; John Locke den modernen Liberalismus; Robespierre die politische Haltung der unbedingten Revolutionäre – diese Verknüpfungen zwischen dem Eintreten für die Wahrheit unbeweisbarer Thesen und politischen Gründungsakten exemplifizieren, was dieser Begriff meint: Eine Entscheidung für oder gegen Positionen, um die zwar mit guten Gründen argumentativ gestritten werden kann, die aber verbindlich zu einer bestimmten Praxis auffordern, wird mit einem machtvollen Eintreten dafür verbunden, dass auch andere sich diese Position zu eigen machen.

Auf den allerersten Blick legt das wohl die Schlussfolgerung nahe, das Beste wäre es, ganz ohne Wahrheitspolitik auszukommen. Nur lässt sich rasch zeigen, dass sich das nicht konsequent durchhalten lässt: Denn angesichts der faktisch immer wieder aktiv vertretenen wahrheitspolitischen Positionen von anderen, gibt es nur drei Möglichkeiten (außer der zustimmenden Unterwerfung, versteht sich): Die Praxis der Skepsis, d.h. der individuell praktizierten völligen Urteilsenthaltung – was zumindest gänzlich unpraktisch wäre, vermutlich sogar unverantwortlich –, die davon zu unterscheidende Skepsis als wahrheitspolitische Position, d.h. die als verbindlich erhobene Forderung an alle, sie sollten sich des Urteils enthalten – und hier liegt das Problem darin, dass die Skepsis als wahrheitspolitische Position sich selber gerade nicht des Urteils enthält, sondern ihre eigene Position für verbindlich erklärt –, und schließlich die Möglichkeit, irgendeine andere Position als wahrheitspolitisch verbindlich zu vertreten – womit aber das Vorhaben, sich selber aus der Wahrheitspolitik herauszuhalten, vollständig aufgegeben wäre.

So geht es also nicht. Es wäre aber auch äußerst schwierig, in jeder Lebenslage sich erst einmal umfassend wahrheitspolitisch positionieren zu müssen: Die unlösbaren und unvermittelbaren Konflikte wären damit unausweichlich programmiert – zwischen Materialisten und Idealisten, zwischen Juden und Christen, zwischen Traditionalisten und Modernen … es bedarf hier keiner weiteren Aufzählung. Und diese Konflikte würden immer wieder an jeder zu entscheidenden Frage aufbrechen.

In modernen Gesellschaften wird daher die Wahrheitspolitik im Alltagsleben klein gearbeitet: Es geht nicht immer schon um „letzte Positionen“, sondern um für abgrenzbar erklärte Fragen, bei denen der Einsatz begrenzt ist und in denen es nicht immer schon „irgendwie um alles“ geht. In dieser alltäglichen Wahrheitspolitik können wir etwa die moralischen, politischen oder ästhetischen Haltungen von Personen von ihren „Weltanschauungen“ unterscheiden und etwa konkrete Entscheidungen in gegebenen Situationen von den dabei verfolgten Zielen bzw. den dabei angewandten Prinzipien. So können dann weltanschauliche Materialisten moralische Altruisten sein oder weltanschauliche Idealisten durchaus moralische Egoisten. Und etwa allein aus der Entscheidung heraus, ein Auto zu kaufen und zwar ein Bestimmtes, können wir nicht verlässlich auf das „Umweltbewusstsein“ dieses Menschen Rückschlüsse ziehen.

Dieses Differenzierungsgebot – welches vielen Zeitgenossen immer noch schwerfällt – gälte sogar noch dann, wenn wir alle nicht in unserer Persönlichkeit „bizarr zusammengesetzt“ wären, sondern immer aus einem Guss heraus dächten und wünschten bzw. urteilten und wollten. Faktisch sind wir dies aber – und müssen daher auch etwa immer wieder „unser Gewissen prüfen“, um herauszufinden, was wir denn wirklich für richtig und gut halten.

Vor diesem Hintergrund lässt es sich überzeugend begründen, dass es einfach keinen verlässlichen Weg gibt, um im Ausgang von wahrheitspolitisch eindeutigen weltanschaulichen Grundpositionen zu in allen konkreten Situationen eindeutig anwendbaren Schlussfolgerungen zu kommen – und dass es eine rational nicht zu rechtfertigende „Parteilichkeit“ wäre, ein derartiges Resultat an allen Argumentationsmöglichkeiten vorbei gleichsam erzwingen zu wollen. Aber es ergibt sich umgekehrt auch, dass (jedenfalls außerhalb der unpraktischen Praxis und der inkonsistenten Position der Skepsis) niemand, der ohne eine wahrheitspolitische Parteinahme auskommt: Wie schon Herwegh vor der 1848er Revolution in Deutschland gereimt hat – „Partei, Partei, wer sollte dich nicht nehmen?“
Wir könnten jetzt der Versuchung erliegen, der eigentlichen Debatte auszuweichen, indem wir – was völlig korrekt ist – einfach erklärten, die Partei, von der Herwegh sprach, sei mit einer modernen politischen Partei in einem parlamentarischen System schlechterdings nicht zu verwechseln. In der Tat, es ist etwas viel Umfassenderes gewesen – was damals wohl als Partei der Bewegung bzw. der Freiheit begriffen worden wäre – eine historische Bewegung im Ganzen der Gesellschaft, deren Gegenpart die (konterrevolutionäre) „Partei der Ordnung“ war.

Aber auch noch unsere modernen politischen Parteien, die weitgehend zu Wahlmaschinen geworden sind, knüpfen noch an die großen „Parteiungen“ des 19. Jahrhunderts an, auch wenn sie sich nicht mehr eindeutig zuordnen lassen. Dabei sind etwa die Sozialdemokraten auch zu einer Partei der Ordnung geworden, welche die bestehenden Verhältnisse ein ganzes Stück weit verteidigt – während umgekehrt die Christdemokraten ein in seiner Bedeutung und Größe wechselndes Stück weit auch Momente einer Partei der Bewegung in sich aufgenommen haben, während die Liberalen ziemlich konsequent versuchen, beides zugleich zu sein.

Im 19. Jahrhundert gab es daher kein Vertun: Der Humanismus stand auf der Seite der „Partei der Bewegung“ und eindeutig gegen das repressive Bündnis von Thron und Altar, das der „Partei der Ordnung“ zugrunde lag. Das lässt sich aber mehr als 150 Jahre nach der gescheiterten europäischen Revolution von 1848 nicht auf die politischen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts übertragen. So wie es etwa auch immer noch Herz-Jesu-Sozialisten geben soll, die sich in CDU/CSU als Partei irgendwie doch „zuhause“ fühlen, gibt es daher auch Humanisten (und vermutlich sehr viel weniger Humanistinnen), die sich parteipolitisch von diesen beiden christlich dominierten Parteien repräsentiert sehen. Das dürfen die sowieso und sie können es auch hinkriegen, ohne sich in unlösbare intellektuelle Widersprüche zu verwickeln.

Allerdings ist das auch keineswegs der Haupttrend. Die meisten Humanistinnen und Humanisten sehen daher in eher linken Parteien die legitimeren Nachfolger und Erben der alten „Partei der Freiheit“ – mit der Sonderrolle der deutschen Liberalen, sich dezidiert auf beiden Seiten des Gegensatzes zugleich zu verorten. Und auch diese beiden Haltungen sind weder zu verbieten, noch als offenbar unsinnig beiseitezuschieben.

Wer heute als Humanistin oder als Humanist sich politisch verhalten will, braucht noch etwas mehr dazu als sein humanistisches Selbstverständnis – sie oder er muss sich eine eigene Position in den großen Fragen der Zeit erarbeiten. Ihr Humanismus kann ihr dabei wertvolle Orientierungen geben – aber selbstverständlich nicht die Arbeit des Untersuchens und Urteilens abnehmen. Sonst würde er sich zu einer „geschlossenen Weltanschauung“ entwickeln – und das wäre doch gar nicht mehr humanistisch!
Also leben wir doch besser – argumentativ und streitig – damit, dass wir nicht nur parteipolitisch ganz viele Fragen unterschiedlich beurteilen, ohne uns deswegen gleich als Humanistinnen und Humanisten zu disqualifizieren. Denn vielleicht liegt gerade in der Fähigkeit dazu, auch im Streit noch das Gemeinsame zu sehen, es aber streitig gegenläufig zu entfalten, der eigentlich produktive Kern menschlicher Rationalität!

 

Bildquelle: Stefan Erdmann, pixelio.de