Skip to main content

Luther – kein Pionier der Moderne

15. Februar 2017

Arbeitsthesen für eine überfällige Kritik des Reformationsjubiläums

Die letzte Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte des Jahres 2016 wurde mit einem Essay von Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, eröffnet. Die gesamte Ausgabe kann nun bei der Bundeszentrale für politische Bildung kostenfrei bezogen oder als PDF heruntergeladen werden.

Wolf stellt in seinem Essay die Frage nach der Aktualität des Bezugspunktes: „Können wir Martin Luther und seine Dimension der Reformation heute wirklich zu einem Ausgangspunkt von Debatten machen, die signifikant dazu beitragen sollen, auf Herausforderungen der Gegenwart tragfähige und belastbare Antworten zu finden?“ Wolf bezweifelt dies und thematisiert im Folgenden zunächst die Begrenztheit und Problematik des historischen Martin Luther anhand von drei Aspekten, wobei er unter anderem feststellt: „Wer immer in der weiteren deutschen Geschichte auf Identitätsbildung und Schaffung von Gruppengefolgschaft durch Hass setzt, fand hierfür bei Luther nicht nur Material, sondern auch klar ausgearbeitete Diskursmodelle.“

Wolf erkennt zwar die kritische Haltung aufgeklärter Protestantinnen und Protestanten gegenüber den „dunklen Seiten“ Luthers an, sieht jedoch auch keine Anknüpfungspunkte für eine Aktualisierung anderer, vermeintlich wirklich moderner Seiten des Theologen und Mönchs. Zwar seien „Martin Luther und seine Dimension der Reformation unbestreitbar ein Bestandteil des Übergangs zur europäischen Moderne“, so Wolf. Als tragfähiger kritischer Zugang zu dieser Moderne könne er jedoch nicht dienen.

Die bisher vergangene Lutherdekade und die in diesem Rahmen für 2017 geplanten Höhepunkte verdeutlichen aus Sicht von Frieder Otto Wolf außerdem die Grenzen von Jubiläen: „Gemeinwesen können ihren Zusammenhalt nicht allein durch das Begehen entsprechender Jubiläen reproduzieren. Das ist ein komplexerer Prozess, in den Lebensperspektiven und materielle Interessen durchaus gewichtiger eingehen als die traditionale oder auch gegenwärtige Weitergabe und Verbreitung vorherrschender Deutungsmuster“, so Wolf. Das Reformationsjubiläumsjahr werde daher vermutlich nicht mehr leisten können, „als den längst vollzogenen Abschied von der kulturellen Hegemonie des Protestantismus in großen Teilen Deutschlands noch einmal fulminant zu illuminieren.“

Zu bedauern sei dieser Abschied nicht. Denn auch Martin Luther sei aus humanistischer Sicht „weder ein eindeutiger Pionier der Moderne noch der in ihr durchaus widersprüchlich angelegten Befreiungsperspektiven. Nichtprotestanten hat dieses Jubiläum daher nichts zu sagen. Selbst nichtlutherischen Protestanten wird durch die Feierlichkeiten eine irreführende Zentralperspektive aufgedrängt. Und die dringenden Probleme unserer Gegenwart würden auch durch eine ‚Reformation der Reformation‘ nicht einmal angegangen – also weder die globale ökologische Krise noch die neoliberale Zerstörung der westlichen Wohlfahrtsstaaten oder gar die Durchlöcherung der Weltfriedensordnung“, so Frieder Wolf.

Die Lutherdekade und das Reformationsjubiläumsjahr seien letztlich nicht mehr als eine weitere Gelegenheit zum Diskurs – und auch große ideologische Apparate könnten dabei nicht darauf vertrauen, durch ihren Mitteleinsatz Hegemonie in Diskurspositionen zu erreichen. „Sofern sie überhaupt Zugang zu öffentlichen Diskursräumen finden, entfaltet sich immer wieder die Kraft der guten Argumente“, schließt der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands seinen Beitrag.

Weitere Autorinnen und Autoren der Ausgabe: Thomas Kaufmann, Luise Schorn-Schütte, Dorothea Wendebourg, Hubert Wolf, Friedrich Wilhelm Graf, Ulrich Willems.

Die APuZ-Ausgabe zum Thema „Reformation“ kann bei der Bundeszentrale für politische Bildung gedruckt bezogen oder als PDF kostenfrei heruntergeladen werden: www.bpb.de/shop