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Staatliche Werteverordnung ist der Demokratie wesensfremd

17. Januar 2014

Die Zeit bis zur Einführung von Humanistischer Lebenskunde in weiteren Bundesländern ist absehbar geworden.

Das sagt Michael Bauer, Vorstand des HVD Bayern, zu den Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen. Er betont, dass das Rüstzeug für ein verstehendes und tolerantes Miteinander in den eigenen Wertefächern erarbeitet wird. Bayern ist das erste der alten Bundesländer, das Humanistische Lebenskunde als ordentliches Schulfach zugelassen hat.

Wie bewerten Sie den Ausgang des Verfahrens zur Humanistischen Lebenskunde in Nordrhein-Westfalen?

Keine Frage: Wir alle hätten uns ein positives Urteil gewünscht. Aber man darf nicht übersehen: Das Gericht hat einen Weg gewiesen, wie es Lebenskunde in NRW geben kann. Deshalb sehe ich das Ganze mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Knapp acht Jahre sind seit der Antragsstellung beim Schulministerium vergangen. Steht der Landesverband nun wieder da, wo er 2006 war?

Nein, er ist viel weiter. Zum einen hat sich unser Verband bundesweit in dieser Zeit weiterentwickelt und steht jetzt viel deutlicher für einen positiven, selbstständigen und weltanschaulich verstandenen Humanismus. Dazu hat die Arbeit unserer Bundesakademie und insbesondere Horst Groschopp mit seinen konzeptionellen Überlegungen viel beigetragen. Ausserdem sind viele neue und junge Menschen dazugekommen. Das gilt auch und gerade für den HVD in NRW. Zusätzlich wissen wir jetzt, dass die Grundsatzfrage, ob es überhaupt einen Lebenskundeunterricht in NRW geben kann, juristisch in den Hintergrund tritt. Das klang im erledigten Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf noch ganz anders. Es zeigt sich, dass es bloß am Nachweis von zwölf Schülerinnen und Schülern liegt. Das wird bestimmt zu schaffen sein.

Der Jurist Thomas Heinrichs meinte zum Verfahren, es werde auf unabsehbare Zeit keine Humanistische Lebenskunde in Nordrhein-Westfalen geben. Stützt sich diese Prognose Ihrer Einschätzung nach auf eine realistische Beurteilung der Lage?

Nein. Denn das wäre nur richtig, wenn jetzt alle resigniert aufgeben würden. Das ist aber nicht der Fall, und dafür gäbe auch gar keinen Anlass, im Gegenteil. Noch nie war das Szenario für die Einführung von Lebenskunde so konkret wie jetzt. Umgekehrt wird also ein Schuh draus: Die Zeit bis zur Einführung ist absehbar geworden. Richtig an den Anmerkungen von Thomas Heinrichs ist allerdings der Hinweis darauf, dass Lebenskunde im Westen rechtlich analog zum hiesigen Religionsunterricht funktioniert, d.h. ganz anders als z.B. in Berlin. Diese Erkenntnis ist zwar den Beteiligten nicht neu, aber für die Einschätzung und die einzuschlagende Strategie natürlich dennoch bedeutsam.

Was meinen Sie damit, wie äußert sich das?

Lebenskunde im Westen heißt, ein ordentliches, bekenntnisorientiertes Lehrfach in staatlicher Trägerschaft, mit allem Drum und Dran – Noten, Versetzungsrelevanz, definierter Standpunkt etc. Die Lehrenden werden in der Regel verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer mit zwei Staatsexamina in diesem Fach sein, ihre Ausbildung erfolgt an staatlichen Universitäten an dafür zu schaffenden Lehrstühlen. Vielleicht wird das alles nicht gleich zu Beginn erforderlich sein, aber das wird kommen. Profitieren werden davon vor allem die Schülerinnen und Schüler und die Eltern, der Verband höchstens indirekt. Der HVD wird zwar seine Rolle in diesem System haben, ähnlich wie jetzt schon die Kirchen beim Religionsunterricht. Er wird aber nicht selbst Anbieter des Faches sein, und die Lehrenden werden nicht bei ihm angestellt sein. Er wird sich zumindest in der Perspektive fragen müssen, wie er denn seinen Beitrag dazu finanzieren wird. Nach meiner Meinung geht das ohne Unterstützung und schriftliche Vereinbarung mit dem jeweiligen Land auf Dauer nicht, die kann man dann nennen wie man will, aber das ist einzufordern.

In Bayern ist Humanistische Lebenskunde bereits als ordentliches Schulfach zugelassen, wird bisher aber nur an der Grundschule in Fürth unterrichtet. Warum?

Ausschließlich aus Zeitgründen. Der HVD Bayern hat bzw. wird dieses Jahr mit zehn neuen Kitas und über 100 neuen Mitarbeitern im Vergleich zu 2012 sein Volumen innerhalb kurzer Zeit mehr als verdoppeln. Die meisten dieser Kitas errichten wir in eigener Bauträgerschaft. Das ist anstrengend, wir wollen uns nicht verheben oder verzetteln. Sobald dieses Wachstum bewältigt ist, steht Lebenskunde an den öffentlichen Schulen bei uns ganz oben auf der Agenda. Nachdem das Fach grundsätzlich anerkannt ist, werden wir aus den Kitas mit bis dahin immerhin 1.000 Plätzen und aus der Schülerschaft der eigenen Grundschule keine Probleme haben, die Nachfrage nachzuweisen, das wird dann machbar sein.

Welche Voraussetzungen müssen nun erfüllt werden, damit es Humanistische Lebenskunde in einigen Jahren auch in weiteren Bundesländern geben kann?

Das ist eine ganze Menge, und sie liegen auf mehreren Ebenen. Es braucht eine integrierte Strategie. Zum einen sind natürlich die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Weiter sollte der HVD sich noch stärker im Bereich der Wertebildung, auch jenseits des Schulfaches, profilieren. Zusätzlich sollten z.B. Angebote für Eltern, Kinder, Jugendliche auch vor Ort dazu beitragen, das nötige Interesse für das Schulfach zu wecken. Für all das braucht es einen langen Atem, viele ehrenamtlich Engagierte und es wird auch Geld kosten. Aber sowas ist das kleine Einmaleins der Verbandsarbeit, das kriegen wir gemeinsam schon hin. Schließlich ist es ein konkretes und wichtiges Ziel, dessen positive Auswirkungen auf der Hand liegen, kein Wolkenkuckucksheim.

Am Religionsunterricht ist nicht zu rütteln, sagte mir vor kurzem die für laizistische Positionen bekannt gewordene frühere SPD-Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier auf die Frage nach ihrer Einschätzung in der Sache. Wie sind denn da die Initiativen zu verstehen, die sich für eine Abschaffung des vom Grundgesetz geschützten Unterrichts aussprechen?

Diese Initiativen sind politisch aussichtslos. Meiner Meinung nach gehen sie außerdem an der eigentlichen Sache vorbei. Es geht doch im Kern darum, humanistische Werte in der Erziehung zum Tragen zu bringen, zumindest für die Eltern, die ihre Kinder in diesem Sinne erziehen wollen. Wie soll ein neutraler, staatlicher Werteunterricht das leisten? Was soll denn überhaupt ein neutraler Wert sein? Werte sind das Gegenteil von neutral. Nein, in der Vielfalt liegt die Lösung, auch für das Schulleben. Da sollten viele Blumen blühen, die christlichen, islamischen, jüdischen, und auch die humanistischen. Denn so ist unsere Gesellschaft: bunt, nicht grau. Staatliche Werteverordnung ist der Demokratie wesensfremd, und das ist auch gut so.

Warum genügen nicht Ersatzfächer wie Praktische Philosophie in NRW oder Ethik in Bayern, die bisher in den Bundesländern in einigen Klassenstufen angeboten werden, als adäquates Pendant für Eltern und Schüler, die den wertebildenden Unterricht der Kirchen nicht wollen?

Ich empfinde es als diskriminierend, wenn das Elternrecht auf humanistische Werteerziehung für so unbedeutend gehalten wird, dass dafür ein nachrangiges und jahrgangsmäßig löchriges Fach ohne weltanschaulichen Standpunkt ausreichen soll. Humanistinnen und Humanisten sollten sich damit nicht abspeisen lassen, sondern auf ihrem Recht zur Pflege ihrer geistigen Kultur bestehen und ihre Gleichstellung einfordern. Haben wir denn nichts Eigenes beizutragen? Ich meine doch. Zum Philosophieren: Das gemeinsame Philosophieren als Methode und die philosophische Haltung, sozusagen, haben viel mit dem Lebenskundeunterricht zu tun, sind mit ihm aber nicht identisch. Der Lebenskundeunterricht hat da noch mehr Facetten.

Atheisten bringen immer wieder gegen jeglichen Religionsunterricht vor, dass dieser als Indoktrination zu bewerten sei und deshalb politisch bekämpft werden müsse. Teilen Sie diese Auffassung?

In meiner Jugend fand ich den Mathematikunterricht viel indoktrinärer. Aber im Ernst: Darüber sollen die urteilen, für die er da ist und die an ihm teilnehmen. Ich fühle mich da nicht betroffen. Im Rahmen der gültigen Gesetze erfolgt er ja wohl, das muss ausreichen.

Mal angenommen, es gäbe das mit 55.000 Schülern in Berlin äußerst erfolgreiche Schulfach Humanistische Lebenskunde gar nicht. Würden Sie es dann trotzdem einführen wollen?

Ja, natürlich. Für meine bayerische Lebenswirklichkeit hat ein Berliner Unterrichtsfach ohnehin wenig Relevanz. Es geht darum, dass allen Kindern eine humanistische Wertebildung ermöglicht wird und sie von der kulturellen Tradition etwas erfahren, in der sie stehen. Es geht um die Gleichstellung der Religionsfreien, um die Emanzipation von religiöser Dominanz und um die Möglichkeit, den positiven Beitrag des weltanschaulichen Humanismus noch stärker in die Gesellschaft einzubringen. Ich würde mir da mehr Selbstbewusstsein wünschen, gerade von denen, die oft recht meinungsstark auftreten.

Das ändert jedoch nichts daran, dass zusätzlich an den Schulen auch miteinander, über religiöse oder weltanschauliche Unterschiede hinaus gesprochen, diskutiert, philosophiert werden muss. Das Rüstzeug dafür wird in den eigenen Wertefächern erarbeitet. Erst dieser Dialog untereinander legt aber die Basis für ein nicht nur tolerantes, sondern auch verstehendes und respektvolles Miteinander. Deshalb braucht es zusätzlich auch ein gemeinsames, religions- und weltanschauungskundliches, philosophisch und diskursiv angelegtes Fach für alle. Die Bildung im Eigenen ebenso wie im Gemeinsamen – das wäre der Idealzustand, und zu dem leistet Humanistischer Lebenskundeunterricht einen Beitrag.

Herr Bauer, vielen Dank für Ihre Zeit!