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„Viele junge Frauen fühlen sich zunächst nicht benachteiligt“

7. März 2016

Oft werden junge Frauen erst nach dem Beginn einer neuen beruflichen Tätigkeit oder des Lebens als Mutter von den gravierenden Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern überrascht, sagt Ulrike von Chossy im Interview anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März.

Die Pädagogin und Gründerin der Humanistischen Grundschule Fürth meint, das ganze Ausmaß der Ungleichbehandlung werde vielen Frauen zu spät bewusst. Und auch wenn es schwer sei, die folgenden Generationen zum politischen Engagement für die Gleichberechtigung zu bewegen, wäre es fahrlässig, dies nicht zu versuchen, sagt von Chossy.


Werte werden vor allem durch Vorleben vermittelt, sagt Ulrike von Chossy.

Die berühmte Feministin Simone de Beauvoir schrieb vor über 60 Jahren: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Trifft diese Aussage aus Ihrer Perspektive heute noch zu?

Ulrike von Chossy: Ja, sicher trifft sie auch heute noch zu. Geschlechterrollen werden gesellschaftlich definiert. Simone de Beauvoir hat damit aber vor allem auf ein Machtgefüge zwischen den Geschlechtern hingewiesen, in dem Frauen benachteiligt sind. Sie hat diese „Opferrolle“ allerdings nicht ohne Widerstand akzeptiert und deshalb kann sie uns auch heute noch ein Vorbild sein.

Das allgemeine Wahlrecht besitzen Frauen seit Langem, auch in vielen anderen Bereichen wurden Beschränkungen und Hürden über Jahrzehnte hinweg zumindest verringert. Haben Sie den Eindruck, dass die jüngeren Generationen von Mädchen und Frauen für die verbleibenden Ziele der Frauenrechtsbewegung gut ansprechbar sind?

Nach wie vor gibt es Ungerechtigkeiten, denen sich niemand ausgesetzt sehen will. Junge Frauen widersetzen sich da oft selbst und direkt, weniger über Organisationen. Aber die Ziele sind immer noch dieselben, vielleicht mit einer anderen Akzentuierung.

Was mir in meinem beruflichen Alltag immer wieder auffällt ist, dass sich viele ungebundene junge Frauen zunächst gar nicht benachteiligt fühlen. Während ihrer Schullaufbahn befinden sie sich im Vergleich zu den Jungs durchaus erst mal im Vorteil, denn unser Bildungssystem ist für Mädchen offenbar häufig problemloser zu durchlaufen.

Beginnt jedoch ein neuer Lebensabschnitt im Berufsleben oder als Mutter, werden sie von den nach wie vor gravierenden Ungerechtigkeiten geradezu überrascht. Ich vermute, die steigende Zahl der Alleinerziehenden ist eine Auswirkung dieser Diskriminierungen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird vielen Frauen das ganze Ausmaß der Ungleichbehandlung erst bewusst. Aber ausgerechnet dann fällt es schwer, sich zu organisieren oder politische Verantwortung zu übernehmen. Dafür fehlen dann oft die Zeit und auch Kraft.

Gegner der Ziele der Frauenrechtsbewegung fanden sich seit jeher unter anderem in kirchlichen und in nationalistischen Kreisen. Welche anderen Kräfte sehen Sie, die heute der Idee der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Frauen entgegenwirken?

Überkommene Rollenklischees und Frauenbilder sind in vielen Köpfen nach wie vor präsent. Außerdem fühlen sich viele Frauen gerade heute einem sehr starken Druck ausgesetzt, weil sie immer mehr solcher Bilder gleichzeitig bedienen sollen – Mutter sein, Eltern versorgen, Karriere machen. Alles auf einmal alleine hinkriegen und das dann so, dass man die Anstrengung nicht merkt. Die Anforderungen sind noch mehr geworden, aber Entlastungen gibt es zu wenig oder die Möglichkeiten dazu sind häufig mit einem schlechten Gewissen verbunden.

Ob es organisierte Gruppen oder Organisationen mit dem erklärten Ziel gibt, der Gleichberechtigung von Frauen entgegenzuwirken, mag ich kaum sagen, aber sicherlich gibt es nicht genug politische und gesellschaftliche, geschweige denn wirtschaftliche Unterstützung, um eine wirkliche Gleichberechtigung und vor allem Gleichwertigkeit von Frauen herbeizuführen. Das würde zugleich für manche bedeuten, etwas vom „Kuchen“ abgeben zu müssen. Spätestens in Diskussionen zu Quotenregelungen wird da deutlich, wer welche Interessen vertritt. Und solange noch keine Päpstin erlaubt ist, wird der Wunsch nach weltweiter Gleichberechtigung wohl ein frommer bleiben. Nach wie vor gibt es innerhalb vieler Organisationen viel Reformbedarf.

Gerade wenn man sich die Wertevermittlung zum Ziel gesetzt hat, darf nicht vergessen werden, dass Werte vor allem auch durch Vorleben vermittelt werden. Wir brauchen darum in Organisationen nicht solche Vorbilder, die unerreichbar wirken, sondern die als selbstverständlich und erreichbar erscheinen – keine Karrierefrauen mit Fönfrisur und vielen Kindern, Dienstmädchen und Butler. Wir brauchen außerdem flexible Arbeitsplätze mit einer vernünftigen Kinderbetreuung, also auch mit entsprechend gut qualifiziertem Betreuungspersonal.

Organisationen – ob sinnstiftend oder politisch – sind da immer in einer besonderen Verantwortung und könnten stets mit gutem Beispiel vorangehen. Tun sie dies nicht, richten sie auch den entsprechenden Schaden an und verhindern demnach Gleichberechtigung.

Vor kurzem empfahl die stellvertretende ZEIT-Chefredakteurin Sabine Rückert in ihren „Zehn Wahrheiten für junge Frauen“, diese sollten nicht in die „Falle des gegenwärtigen Feminismus“ tappen. Können Sie Rückerts Gedanken nachvollziehen?

Frau Rückert sprach unter anderem von einem Mangel an Selbstwertgefühl und das ist sicherlich eine der wichtigsten Ursachen für das stille Ertragen von Ungerechtigkeiten.

Eines ist klar: Es sind immer noch überwiegend Frauen, die Kinder erziehen und somit müssen sie hier Entscheidungen treffen. Sie können sich verstärkt um ihre Karriere kümmern oder sie können viel Energie in die Kindererziehung investieren. Wenn sie beides versuchen, ist das mit einem erheblichen Kraftaufwand verbunden und/oder führt zu einem schlechten Gewissen. Ein emanzipiertes Leben zu führen, ist daher oft an Doppelt- und Dreifach-Belastungen geknüpft. Das ist der Preis, der gezahlt werden muss, um sich nicht als „Mensch zweiter Klasse“ zu fühlen, und das führt dann wiederum erst recht zu großen Belastungen.

Wir sind somit nicht nur betroffen von Diskriminierung, sondern auch von unseren eigenen überhöhten Ansprüchen, das „typische“ Leben eines Mannes und einer Frau zugleich führen zu können. Während Jungs immer noch merkwürdig erscheinen, wenn sie gerne Ballett tanzen, können Mädchen mit lackierten Fingernägeln Fußball spielen. Wir können uns mehr „erlauben“, aber wir zahlen dafür einen Preis.

Also vielleicht spielt die von Rückert kritisierte Einfältigkeit doch eine Rolle – zumindest dann, wenn wir damit aufhören, selbstbewusst solche Umstände einzufordern, die auch einer beruflich ambitionierten Frau ein eigenes Familienleben und etwas Freizeit ermöglichen.

Trotzdem gilt hier: Für Gleichberechtigung muss eine ganze Gesellschaft Verantwortung übernehmen und nicht nur der Teil, der systematisch gehindert wird.

Warum ist für Sie gerade der Internationale Frauentag ein Ereignis, dem humanistische Ideen und Anliegen zugrunde liegen?

Es geht um die gleichen Rechte für alle Menschen und das ist eine grundlegende humanistische Idee. Es geht aber nicht nur darum, diese Rechte auf dem Papier zu bekommen, sondern sie auch im tatsächlichen Leben nutzen zu können, anstatt ähnlich wie bei den „Gläsernen Wänden“ die Möglichkeiten nur durch eine „gläserne Decke“ betrachten zu dürfen. Frauen wollen nicht nur theoretisch die Gleichberechtigung, sondern auch praktisch. Der Humanistische Verband ermöglicht mit vielen seiner Angebote genau das. Wie bereits erwähnt, wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und in unseren Praxisfeldern auch eine Vorbildfunktion einnehmen. Da schließt sich der Kreis.

Welche Themen sollten Ihrer Meinung nach zum Frauentag hierzulande in den Vordergrund gestellt werden?

Die gleichberechtigte Besetzung von Führungspositionen ist für mich ein sehr wichtiges Thema. Geschlechtsunabhängige Karrierechancen können nur verwirklicht werden, wenn die spezifischen Bedürfnisse von berufstätigen Müttern entsprechend berücksichtigt werden, wie etwa durch Betriebskindergärten. Wenn es mehr Frauen in entscheidungsrelevanten Positionen gibt, wird dies meines Erachtens zur Selbstverständlichkeit werden. Die nicht weniger benachteiligten alleinerziehenden Väter werden hiervon sicherlich auch profitieren. Ich erhoffe mir also insgesamt familienfreundlichere Arbeitsplätze. Und wenn Gleichberechtigung beim Zugang zu Führungspositionen nur über Quoten geht, dann soll es so sein.

Die wirtschaftliche Situation von Alleinerziehenden ist für mich ebenfalls ein nach wie vor brandheißes Thema, ebenso Gewalt gegen Frauen und insbesondere der Umgang mit vergewaltigten Frauen. Es gibt noch so viel zu tun.

Im Präsidium unseres Bundesverbandes selbst finden sich lediglich zwei Frauen, und keine davon an der Spitze. Wie erklären Sie das?

Ich kann erklären, warum es überzeugende Gründe gibt, mich selbst zu engagieren. Um diese Frage zu beantworten, müsste man Frauen finden, die es für besser halten, sich dort nicht zu engagieren. Ich würde das derzeit aber mit mehr Optimismus betrachten, immerhin sind wir schon zu zweit und vor mehr Verantwortung würde ich auch nicht zurückschrecken. Vielleicht werden unserem Beispiel ja auch noch andere folgen.

Dass für Damenhygieneartikel in Deutschland der volle Mehrwertsteuersatz bezahlt werden muss, wie eine im letzten Jahr gestartete Kampagne kritisiert, während für Kaviar und Blumen der ermäßigte Steuersatz gilt, erscheint mir ziemlich bizarr. Sehen Sie so etwas als reales Problem, das Frauen angeht, oder sind solche Dinge aus Ihrer Sicht eher Petitessen?

Empörend finde ich, dass es viele Luxusartikel gibt, für die nur der ermäßigte Steuersatz gezahlt werden muss, wohingegen zum Beispiel für Kinderspielzeug und Kinderkleidung der volle Satz fällig wird. Kinder zu haben ist Armutsrisiko Nummer eins in Deutschland, vor allem für Alleinerziehende. Da ist die Mehrwertsteuer für Frauenhygieneartikel nur ein Teil des Problems. Skandalös finde ich auch, dass die staatliche Unterstützung für ökonomische schwache Familien nicht den erhöhten Bedarf für Mädchen berücksichtigt. Das sollte umgehend geändert werden.

Seit einiger Zeit gibt es Versuche, unter dem Dach eines Aktionstags mit dem Titel Frauen*kampftag den 8. März neu zu politisieren. Halten Sie es für machbar, dass sich heute um die Idee der Emanzipation von Frauen in Deutschland eine breite politische Bewegung bilden lässt?

Frauen müssen sich weltweit solidarisieren und Aktionsformen finden, die darauf aufmerksam machen, dass es noch immer kein faires und gleichberechtigtes Miteinander gibt. Ob ein deutscher Frauenkampftag dafür das richtige Mittel ist, kann ich nicht sicher beurteilen, aber vielleicht hilft es.

Wenn ich meine 16-jährige Tochter und ihre Freundinnen auf das Thema anspreche, bekomme ich allerdings kaum Zuspruch – dabei bin ich eine alleinerziehende Mutter von ihr und einem Sohn. Wenn ich meinem Erziehungsanspruch gerecht geworden bin, ist keines der beiden derzeit von einer Benachteiligung betroffen. Damit wird ein Teil des Problems deutlich: Weder leidet meine Tochter, noch habe ich ihr meine vermeintliche Opferrolle vorgelebt. Womöglich wird sie ebenso überrascht sein wie ich, wenn sich ihre Perspektive verändert und sie eines Tages feststellen muss, wie viel ich kämpfen musste, um ihr ein Gefühl der Leichtigkeit des Mutterseins zu vermitteln. Auch ich hatte Schuldgefühle, ihnen eine Trennungssituation zumuten zu müssen und entsprechend gekämpft, sie nicht darunter leiden zu lassen.

Also ganz ehrlich, je mehr ich gerade darüber nachdenke, desto mehr kann ich mich mit dem Begriff des Frauenkampftags anfreunden. Denn es wird schwer, die folgenden Generationen zu begeistern, ohne zu dramatisieren – aber es nicht zu versuchen, wäre wohl ebenso fahrlässig.

In einer ganzen Reihe von Ländern ist der 8. März ein gesetzlicher Feiertag. Sollte der 8. März auch in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag sein?

Feiertage dienen auch dazu, ein Thema bewusst zu machen. Daher wäre ein solcher Feiertag sicher begrüßenswert. Gleichberechtigung unter den Geschlechtern herzustellen ist ein lohnenswertes Ziel, über das ruhig noch mehr nachgedacht werden darf. Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Es geht darum, unfaire Benachteiligungen zu bekämpfen, egal wen sie betreffen. Insofern sollte so ein gesetzlicher Feiertag nur einer von vielen sein, die uns daran erinnern, dass es in unserer Gesellschaft noch viele humanitäre Aufgaben und humanistische Anliegen gibt, die wahrgenommen und verfolgt werden müssen.

Die Fragen stellte Arik Platzek.