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Was uns verbindet

25. Februar 2016

Was ist der Humanistische Verband, wie sehen seine Mitglieder die Welt und wofür engagieren sie sich? In Zukunft soll darüber ein überarbeitetes Selbstverständnis aktuell und zeitgemäß Auskunft bieten. Es will die Betonung eigener Werte deutlich erkennbar machen.

Zwei Mitglieder der Redaktionsgruppe, die in den letzten zwei Jahren die zahlreichen Vorschläge für eine Aktualisierung aufgenommen und zu einem grundlegend überarbeiteten Text zusammengefügt hat, sprachen im Interview über Motive und Hintergründe der Entwicklung des neuen Entwurfs: Dr. Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland, und Dr. Alexander Bischkopf, Bildungsreferent im Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg.

Was sind Anlass und Ziel der Erarbeitung des neuen Humanistischen Selbstverständnisses?

Dr. Ralf Schöppner: Die Welt verändert sich. Menschen und Organisationen stehen beständig vor neuen Herausforderungen. Eine Weltanschauungsgemeinschaft sollte regelmäßig prüfen, ob ihr Selbstverständnis noch zu ihrer eigenen Praxis und zum Zustand der Welt passt. Darüber hinaus gab es konkrete Kritik an alten Selbstverständnissen, wie z.B. an der überwiegenden Negativorientierung „wir sind gegen Religion“.

Dr. Alexander Bischkopf: Dass aus der Überprüfung nun eine grundsätzliche Überarbeitung geworden ist, hängt auch damit zusammen, dass der mit der Gründung des Humanistischen Verbandes begonnene Transformationsprozess von freidenkerischen Positionen, also der Selbstdefinition über Ablehnung von Religion, hin zu humanistischen, also der Betonung eigener Werte, deutlich erkennbar sein sollte.

Das neue Selbstverständnis nimmt noch deutlicher Bezug auf die große Zahl konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen in Deutschland als das Selbstverständnis aus dem Jahr 2001. Warum?

Schöppner: Wir haben auf der einen Seite die hohe und zunehmende Zahl von Konfessionsfreien, von denen laut diverser repräsentativer Umfragen viele humanistische Ansichten und Prinzipien bejahen, und auf der anderen Seite die nach wie vor sehr kleinen und nicht ausgesprochen mitgliederstarken humanistischen Organisationen. Das neue Selbstverständnis soll u.a. auch ein Angebot sein für diejenigen Konfessionsfreien, die eine politische Interessensvertretung suchen, sich gemeinsam mit anderen humanistisch engagieren wollen, oder sich über ihre Fragen nach Sinn und Orientierung mit anderen austauschen wollen.

Bischkopf: Wir wollen damit auch deutlich darauf hinweisen, dass mit der anhaltend steigenden Zahl von konfessionsfreien und nichtreligiösen Menschen in Deutschland der Bedarf einer gesellschaftspolitischen Interessenvertretung dieser Gruppe immer wichtiger wird. Das Selbstverständnis richtet sich dabei an beide Seiten: in der Gruppe der Konfessionsfreien wird darum geworben, den HVD als eine Interessenvertretung anzunehmen. Gegenüber der Politik wird der Anspruch erhoben, als Vertretung akzeptiert und gehört zu werden.

Die Überarbeitung des Texts legt den Gedanken nahe, dass das Selbstverständnis in Zukunft auch eine veränderte Aufgabe erfüllen soll. Ist das beabsichtigt?

Bischkopf: Das neue Selbstverständnis soll, wie gesagt, nach innen wie nach außen wirken. Menschen, die einen ersten Kontakt zum Humanistischen Verband haben, sollen sich schnell orientieren können: Was ist der Verband, wie verortet er sich weltanschaulich und was will er erreichen? Welche politischen Forderungen stellt der Verband und was will er dementsprechend gesellschaftspolitisch erreichen. Es soll schnell erkennbar sein, was die Tätigkeitsbereiche des HVD sind; neben der weltlichen Feierkultur vor allem eine Übersicht über Angebote im Sozial- wie im Bildungsbereich. Nicht zuletzt soll der Text Interesse für eine humanistische Lebensauffassung und auch den HVD wecken; im besten Fall sagen dann einige: Ja, das überzeugt mich – ich engagiere mich im Verband. Aber auch die Mitglieder und Mitarbeiter des Verbandes sollen sich im neuen Selbstverständnis wiedererkennen und sagen können: Ja, der Text beschreibt, was uns verbindet und warum wir uns in diesem Verband engagieren.

Schöppner: Es geht ja nicht nur um den Text, sondern auch um notwendige Prozesse der Selbstverständigung, die auf Grundlage des vorliegenden Entwurfs stattfinden können. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Mitglieder sollten sich mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement in diesem Text wiederfinden.

Und versucht das Selbstverständnis, eine allgemeine Definition des Humanismus zu artikulieren?

Schöppner: Nein, keine Definition im strengen Sinne, es ist ja kein wissenschaftlicher Text. Aber natürlich ein Verständnis von Humanismus. Das neue Selbstverständnis soll vor allem eine Positivbestimmung sein und keine vornehmlich negative Definition durch Abgrenzung von Religion. Entsprechend bezieht es sich bewusst auf die mehr als zwei Jahrtausende alte europäische Tradition des Humanismus: Auf Menschenwürde, Bildung und Mitmenschlichkeit, Selbstbestimmung und Verantwortung. Was zweierlei beinhaltet: Zum einen muss diese Tradition sich heute interkulturell bewähren und weiterentwickeln; zum anderen gehört zu ihr auch die spezifische verbandliche Tradition der Freidenkerei. Selbstverständlich wird Humanismus dabei nicht exklusiv für den HVD reklamiert. Man denke nur an den verbreiteten Alltagshumanismus wie auch an religiöse Humanistinnen und Humanisten.

Bischkopf: Eine derartige Definition hätten wir auch gar nicht leisten können. Entweder hätte es bei einem lexikonartigen Artikel bleiben müssen, der den oben genannten Anforderungen an das Selbstverständnis nicht gerecht worden wäre. Oder wir hätten, da der Humanismus als vielgestaltige und unabgeschlossene Weltanschauung viel zu komplex und vielschichtig für eine allgemeine, allseits anerkannte Definition ist, eine ganze wissenschaftliche Schriftenreihe initiieren müssen – dieser Aufgabe kommt die Akademie an andere Stelle nach. Wir haben uns daher auf das Verständnis des Humanismus‘ seitens des HVD und die daraus folgende soziale Praxis des Verbandes beschränkt.

An einigen Stellen des Selbstverständnisses ist von unserer „Weltanschauung“ die Rede, im Text wird aber auch von „Lebensführung“ und „Lebensweise“ gesprochen. Sind diese Begriffe synonym oder sind damit unterschiedliche Dinge gemeint?

Schöppner: „Weltanschauung“ ist zunächst einmal der juristisch korrekte Bezugsbegriff. Allerdings ist es Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland nicht vorgeschrieben, dass sie sich auf diesen Begriff fixieren müssen. Der Begriff ist m.E. politisch verbrannt, klingt ein wenig nach Dogmatik, außerdem sehr technisch und theoretisch-kognitiv verengt. Um deutlicher Offenheit, Dialog und Praxis zu akzentuieren, werden im Text Begriffe wie „Lebensführung“ und „Lebensweise“ verwendet.

Bischkopf: Ob der Begriff wirklich „verbrannt“ ist, kann ich nicht beurteilen – er ist auf jeden Fall historisch vorbelastet und im normalen Sprachgebrauch recht sperrig. In rechtlichen Zusammenhängen müssen wir ihn aber verwenden. Wir haben uns dazu entschieden, im Text auch andere Begriffe zu verwenden, um in den entsprechenden Zusammenhängen die besondere Bedeutung bzw. die vom Weltanschauungsbegriff abweichende Dimension eines tagtäglich gelebten Humanismus erfassen zu können. Während „Weltanschauung“ vor allem die Sicht auf die „reale Welt“ und das Verständnis dessen meint, was gemeinhin „Realität“ oder „Wirklichkeit“ genannt wird, beschreiben „Lebensauffassung“ und „Lebensweise“ stärker die – mitunter daraus folgende – alltägliche Lebensführung; also inwieweit meine humanistische Weltanschauung meine Handlungen beeinflusst.

In welchen Themenbereichen war die Erarbeitung des neuen Textes denn besonders kontrovers?

Schöppner: Die Redaktionsgruppe war heterogen besetzt und es gab allerhand substantiellen Streit. Ob man die Verbandstradition wirklich einfach so in eine größere Tradition einreihen sollte. Ob man wirklich zugunsten von Humanismus auf ausdrückliche Bezugnahmen auf Freidenkerei, Agnostizismus und Atheismus verzichten sollte. Ob nicht an manchen Stellen zu viel „gemenschelt“ wird. Ob das ausreichend weltanschaulich profiliert und nicht zu „weichgespült“ ist. Ob es nicht mehr aktueller politischer Bezüge bedarf. Aber wir hatten gemeinsame Prämissen, an denen wir uns immer orientiert haben: Keine Überfrachtung des Textes, Allgemeinverständlichkeit, akzeptabel für die Vielfalt der Positionen im Humanistischen Verband, respektvoll gegenüber anderen Anschauungen, ein weites Verständnis von Humanismus.

Bischkopf: Es waren vor allem zwei, drei Themen, um die es die größten Auseinandersetzungen gab. Da ist der Verzicht auf die freidenkerische und freireligiöse Herkunft des Verbandes durch seine Vorgängerorganisationen zu nennen, der als unnötiger Abbruch bzw. das Verschweigen einer ehrwürdigen Tradition verstanden werden kann. Es wird sich in der nun beginnenden Diskussion zeigen, inwieweit diese Tradition von den Mitgliedern des Verbandes noch als identitätsstiftend angesehen wird. Auch Stellung und Bedeutung der (Natur-)Wissenschaften und insbesondere des Naturalismus als konstitutives Element unserer Weltanschauung war umstritten. Soll das Selbstverständnis dementsprechend ein dezidiert „atheistisches Bekenntnis“ formulieren (auch wenn „Atheismus“ als Wort nicht mehr explizit genannt wird), und was bedeutet dann für uns „Religionskritik“? Die letztgenannten Streitpunkte haben wiederum unmittelbare Auswirkung darauf, welche Gruppen unter den Konfessionsfreien wir ansprechen (möchten). Auch die Frage nach dem Stellenwert eines sinnlichen, gefühlsbetonten Zugangs zum Humanismus steht in diesem Zusammenhang. Im Großen und Ganzen ging es oft um die Frage eines adäquaten Ausbalancierens von Rationalität und Gefühl.

Eine Neuerung im Humanistischen Selbstverständnis sind auch kurze Aussagen zur Selbstverortung von uns Menschen in kosmologischer Perspektive. Allerdings finden sie sich eher nachgeordnet, während die Aussagen zum kulturgeschichtlichen, philosophischen und gesellschaftspolitischen Selbstverständnis prominenter gemacht wurden. Können Sie etwas zu den Motiven für die Systematik sagen?

Schöppner: Im Grunde geht es doch um ein postheroisches Verständnis vom Menschen. Sicherlich: eine Existenz ohne große Bedeutung angesichts des Kosmos, aber: zumeist ungeheuer bedeutsam in der Erste-Person-Perspektive des Einzelnen. Nicht nur das Loblied auf die Errungenschaften und Fähigkeiten des Menschen; Berücksichtigung auch seiner Schwächen, Leiden und Traurigkeiten. Emotionalität und „Brennen für etwas“: Humanismus ist nicht einfach nur eine sachlich-nüchterne Analyse von Welt und Gesellschaft. Und er ist auch kein miesepetriger moralischer Zeigefinger. Humanismus ist in erster Linie ein Plädoyer für Lebensfreude; die Überzeugung, dass ein gutes menschliches Leben möglich ist. Und dazu gehören eben auch die Lebensfreude und das gute Leben des Anderen. Der Genuss des eigenen Lebens ist bei den meisten von uns getrübt, wenn wir das Elend und Unglück anderer erleben. Das führt nicht nur zu Humanität, sondern auch zum politischen Engagement für Verhältnisse, in denen allen ein gutes Leben möglich ist.

Bischkopf: Die Antwort hängt eng mit der Frage nach den Begriffen „Weltanschauung“ und „Lebensauffassung“ bzw. „Lebensweise“ zusammen: mit der Entscheidung den Text weniger auf die „Weltanschauung“, also die Sichtweise, das Verständnis dessen, was „Realität“, die „reale Welt“ genannt wird, sondern stärker auf die alltägliche humanistische Praxis auszurichten. Und da eine humanistisch begründete Lebensweise konkret eher auf Philosophie und gesellschaftspolitischen Vorstellungen zurückgreift als auf Physik, ist diese Systematik zustande gekommen.

Im neuen Text findet sich nun keine Formulierung mehr, die die Vollziehung oder die Vollendung einer „Trennung von Staat und Kirche“ verlangt, während politische Forderungen wie die Beendigung des staatlichen Kirchensteuereinzugs weiterhin zu finden sind. Warum hat man sich dafür entschieden, auf diese früher populäre Wendung „Trennung von Staat und Kirche“ zu verzichten?

Bischkopf: Durch diesen Verzicht wird der Schwerpunkt deutlicher auf die geforderte Gleichbehandlung gelegt – und Gleichbehandlung kann sowohl durch Abbau vorhandener Privilegien als auch durch den Aufbau (Angleichung) gleicher Rechte und staatlicher Förderungen erreicht werden. Der Humanistische Verband verfolgt hier eine Mischstrategie, was durch den neuen Text deutlich werden soll. Diskriminierende Privilegien von Religionsgemeinschaften, wie das „kirchliche Arbeitsrecht“, das sich in die private Lebensführung einmischt und unliebsame Entscheidungen (wie Scheidungen oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften) mitunter drastisch, durch Entlassungen sanktioniert – ungeachtet dessen, dass die meisten dieser Arbeitsplätze vom Staat, also auch durch konfessionsfreie Menschen mitfinanziert werden – müssen unzweifelhaft beendet werden. Es gibt aber Bereiche, wo wir Gleichbehandlung durch die Erlangung gleicher Rechte einfordern; hier sind z.B. die Teilhabe an Rundfunkräten oder der Humanistische Lebenskundeunterricht als gleichberechtigte Alternative zum Religionsunterricht an staatlichen Schulen zu nennen.

Schöppner: Eine vollständige laizistische Trennung von Staat und Religion ist für Deutschland nicht allzu realistisch. Es kommt darauf an, genau zu bestimmen, welche Art von Unterstützung der Staat den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften legitimerweise gewähren soll und welche nicht. Der Kirchensteuereinzug gehört hier nicht dazu; eine gleichberechtigte Förderung aber z.B. des Religions- und Weltanschauungsunterrichts schon eher. Hier ist Diskussionsbedarf, der sich in einem Selbstverständnis nicht hinreichend abbilden kann.

Die Fragen stellte Arik Platzek.

Den von der Redaktionsgruppe vorgelegten Entwurf des neuen Humanistischen Selbstverständnisses hat sich das Präsidium des Bundesverbandes am 19. September 2015 per Beschluss zu Eigen gemacht und die Landesverbände aufgefordert, auf der Grundlage dieses Entwurfs die Diskussionen in Hinblick auf eine endgültige Verabschiedung auf der nächsten Bundesdelegiertenversammlung (BDV) im Jahr 2017 zu organisieren.

Download: Humanistisches Selbstverständnis 2015

Veranstaltungshinweis: Wieviel Theorie braucht ein praktischer Humanismus? Wieviel Wissenschaft und wieviel Weltanschauung stecken im Humanismus? Wie tolerant ist Humanismus als Weltanschauung? Wie hält es der Humanismus mit der Religion? Kann Humanismus ein interkulturelles Leitbild sein? Auf der Tagung der Humanistischen Akademie am 27. Februar 2016 in Berlin sollen strittige Fragen und die einzelnen Kapitel des vorliegenden neuen Entwurfs diskutiert werden.