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„Wir sollten den Tag trotzdem nicht als Trauertag begreifen“

10. Dezember 2015

Interview mit dem Präsidenten des Humanistischen Verbandes Deutschlands zum Internationalen Tag der Menschenrechte.

Nach den barbarischen Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (n. chr. Z.) mit Millionen von Opfern wurde am 10. Dezember vor 67 Jahren die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und verkündet. In dem neuen Kodex zusammengefasst wurden grundlegende Ansichten „über die Rechte, die jedem Menschen zustehen, „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“


Frieder O. Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands.

Im Gespräch zum diesjährigen Tag der Menschenrechte sagt der Philosoph und Politikwissenschaftler Frieder Otto Wolf, dass die Menschheit sich nicht auf solchen Leistungen der Vergangenheit ausruhen könne. Wolf meint, die heute lebenden Generationen werden erst noch „zeigen müssen, dass auch sie die Hoffnung auf humane Veränderungen der Lage der Menschheit weitertragen können.“

Was ist der heutige internationale Tag der Menschenrechte aus humanistischer Perspektive, d.h. ist es aus Ihrer Sicht eher ein Feier-, ein Gedenk- oder ein Trauertag?

Frieder Otto Wolf: Aus humanistischer Perspektive kann der heutige Tag leider nicht als Feiertag begangen werden. Dazu ist die Lage der Menschheit viel zu ernst und kritisch. Sicherlich sind Fortschritte erzielt worden, seit Sklaverei und Rassismus für die europäischen Imperien der Neuzeit mit konstitutiv gewesen sind. Aber heute stehen wir nicht nur vor einer ungelösten ökonomischen und ökologischen Strukturkrise, die auch in Europa und in Deutschland die Allerärmsten am heftigsten trifft; dazu kommt eine Reihe von Kriegen, an deren Entstehung ebenso wie an deren Führung Deutschland und Europa entscheidend beteiligt sind – und eben auch die Rückwirkung dieser internationalen Krisen in Gestalt einer Fluchtwelle nach Deutschland und Europa.

Und so sicher diese Rückwirkung auch dadurch bedingt ist, dass die geflüchteten Menschen – und deren Familien – selbst ihre Lage beurteilt und die Initiative zur Flucht ergriffen haben, ist sie deswegen nicht vergleichbar mit der Art von informeller Kriegserklärung, auf deren Grundlage Al Khaida und der sogenannte IS – den französische und englische Freunde inzwischen in verballhorntem Arabisch als „Daesch“ bezeichnen, um ihm den unverdienten Titel eines Staates zu verweigern – die BürgerInnen Europas terroristisch angreifen.

Also wäre der Tag eher als Trauertag zu betrachten?

Der diesjährige 10. Dezember kann wohl aus zwei gewichtigen Gründen als ein solcher gelten: Denn erstens gehören die Menschenrechte bekanntlich offenbar immer und unvermeidlich zu den ersten Opfern jedes Krieges. Gerade in Deutschland und Europa sind in den letzten Monaten sehr viele in die Kriege eingetreten, zu deren wichtigsten Verursachern Deutschland und Europa ganz offensichtlich selber gehören. Und zweitens zeigt jetzt gerade der Verlauf des Pariser Klimagipfels, wie weit unsere Regierungen gegenwärtig davon entfernt sind, auf der Höhe der Herausforderungen durch die komplexe Krise wirksam zu handeln.

Wir sollten den heutigen Tag trotzdem nicht als Trauertag begreifen: Der für die Menschenrechte zu führende Kampf ist noch längst nicht erfolgreich abgeschlossen – es wäre aber auch völlig falsch, ihn jetzt einfach verloren zu geben. Auch ohne einen Heroismus des „Trotz alledem!“ lohnt es sich, der Aufgaben und Möglichkeiten zu gedenken, vor der uns die Durchsetzung der Menschenrechte als solche immer noch stellt. Auch wenn dies manchmal den Horizont unserer Regierungen zu übersteigen scheint, wie dies gerade in Paris angesichts der Klima-Fragen schmerzhaft demonstriert wird, steht die Menschheit insgesamt vor der Herausforderung, die gegenwärtige Krisenkonstellation nachhaltig und tragfähig zu bewältigen. Das muss für HumanistInnen ein unabweisbarer Imperativ sein und vermutlich auf lange Zeit noch bleiben.

Da haben Sie jetzt einige Tatsachen und Probleme angesprochen, die uns Sorgen bereiten müssen. Wenn nun Menschen auch dazu neigen, unangenehme Dinge zu verdrängen – sehen Sie denn irgendwelche Aspekte, um den Tag in positiver Weise wahrzunehmen?

In der Tat sehe ich auch Grund zur Hoffnung: Etwa im freiwilligen Engagement vieler Helfer, ohne die die offiziellen Strukturen zur Aufnahme von nach Deutschland nach Europa geflüchteten Menschen längst zusammengebrochen wären; in der Weigerung vieler Menschen gerade in Deutschland, sich gerade jetzt eine Logik der kriegerischen Eskalation zu eigen zu machen; in dem nachhaltigen Engagement vieler zivilgesellschaftlicher Initiativen dafür, von sich aus schon damit anzufangen, etwas für die Bewältigung der Klimakrise zu tun, ohne auf den eigenen Staat, auf die EU oder auf die Staatengemeinschaft zu warten. Und dass es diesen Tag der Menschenrechte im Rahmen der UNO heute überhaupt gibt, ist solchen Initiativen und Bewegungen zu verdanken, die seit dem späten 18. Jahrhundert dafür gekämpft haben. Wenn wir heute nicht aufgeben, können wir durchaus Vergleichbares erreichen wie diese Pioniere.

Bei den vielen Problemen, die Sie nun eben angerissen haben – wo sollten Humanistinnen und Humanisten da derzeit ihre Schwerpunkte setzen?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich das global einheitlich beantworten lässt – ich werde daher mich darauf beschränken, aus der Perspektive deutscher HumanistInnen zu argumentieren. Mit der Verteidigung der Menschenrechte, die weltweit und für alle und jeden gelten, können und sollen Humanistinnen in Deutsch aktiv dafür eintreten, dass absolute Armut vermieden, Fluchtursachen bekämpft, Asyl gewährt und Kriegsursachen überwunden werden. Ich denke, hier hat Deutschland als eines der reicheren Länder im reichen Europa gleichsam eine Bringschuld – die allerdings auch im eigenen Land gilt, gegenüber denjenigen, welche bereits von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, ebenso wie gegenüber denjenigen, welche in diesem Land Zuflucht suchen.

Was ist mit dem Thema des aktuellen Berichts der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union, d.h. der Unterdrückung und Benachteiligung nichtreligiöser Menschen weltweit? Welche Bedeutung messen Sie dem derzeit bei?

Die Diskriminierung und Verfolgung nichtreligiöser Menschen ist für uns als deutsche HumanistInnen selbstverständlich eine zentrale Aufgabe unserer konkreten Solidarität. In diesem Sinne werden wir etwa ganz selbstverständlich dafür eintreten, dass etwa bei der Aufnahme von geflüchteten Menschen vermieden wird, derartige Unterdrückungsstrukturen zu reproduzieren. Oder wir werden uns weiterhin bei der internationalen Solidarisierung mit Menschen engagieren, welche in ihren Ländern aus derartigen Gründen verfolgt und diskriminiert werden.

Als wesentliche Gegenspieler zur Verwirklichung der Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte einmal festgehalten wurden, sehen nicht wenige Menschen die traditionellen Religionen und insbesondere die monotheistische Religionen. Weniger Religion, mehr Menschenrechte – ist es aus humanistischer Sicht so einfach?

Auch wenn ich es durchaus für richtig halte, hier noch einmal festzuhalten, dass das Eintreten für die Menschenrechte weder religiösen Ursprungs ist, noch auch von den christlichen Kirchen besonders prominent betrieben wird – nichtreligiöse Intellektuelle und Politiker haben den Gedanken der Menschenrechte entwickelt und gerade die christlichen Kirchen haben jahrhundertelang dagegen agiert halte ich die gleichsam umgekehrte These, dass die Religionen und insbesondere die christlichen Kirchen das eigentlich zu lösende Problem wären, um die Menschenrechte umfassend durchzusetzen, für historisch und sachlich falsch.

Menschliche Herrschaftsformen und -strukturen haben leider, auch ohne eine religiöse Legitimation dafür zu bemühen, nicht nur in finsteren Vergangenheiten, sondern auch in der zivilisierten Nacht des 20. Jahrhunderts immer wieder die Menschenrechte mit Füßen getreten. Und es wäre strategisch ganz falsch, auf religiöse und kirchliche Menschen, welche seit dem protestantischen Politiker William Wilberforce sich nun wirklich viel und nachhaltig für die Menschenrechte engagiert haben, als BundesgenossInnen zu deren Durchsetzung zu verzichten. Umgekehrt können wir nicht behaupten, dass nichtreligiöse Menschen oder auch Wissenschaftler gegen Rassismus und gegen falsche Totalisierungen der politischen Gewalt gefeit seien – ich erinnere nur an die fatale Rolle von sogenannten Darwinisten und Eugenikern in den autoritären und faschistischen Bewegungen und Staaten des letzten Jahrhunderts.

Hier werden wir eine schwierige Debatte zu führen haben, welche Kräfte nun wirklich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Durchsetzung der Menschenrechte und die politische Entfaltung der BürgerInnen-Rechte in modernen Demokratien erschwert und zum Teil verhindert haben. Und dazu, wie demgegenüber tatsächlich ein wirksames Bündnis aller derjenigen Menschen aufgebaut und wirksam gemacht werden kann, welche zumindest in dem Sinne guten Willens sind, dass sie sich ernsthaft und konsequent Durchsetzung der Menschenrechte einsetzen. Das ist übrigens aus meiner Sicht nicht mehr einfach eine Frage der humanistischen Moral, sondern bezieht sich, spätestens seit der Erklärung der Menschenrechte durch die UNO und dem Inkrafttreten mehrerer Generationen von internationalen Konventionen über Menschenrechte, auf geltendes Recht – auch wenn dessen Durchsetzung immer noch mehr als lückenhaft ist.

Was gibt Ihnen denn Hoffnung, dass wir hier aus der hyperkomplexen Problemlage von heute, wie Sie sie nun dargestellt haben, mit guten Ergebnissen für die Mehrheit aller Menschen herauskommen könnten?

Meine Hoffnung gründet sich auf die historische Erfahrung, dass selbst in der Nacht des 20. Jahrhunderts viele Menschen dazu bereit gewesen sind, in ihren elementaren Menschenrechten oder Menschen auch unter großem Risiko zu helfen oder zu Seite zu stehen – und überhaupt Widerstand gegen inhumane Politik und Herrschaftsstrukturen zu leisten. Auch wenn man sich der Unterschiedlichkeit der Motivlagen der Beteiligten vollauf bewusst ist, war es doch eine unbestreitbare historische Leistung der Menschheit, dass sie eine dauerhafte Machtergreifung des Faschismus ebenso hat verhindern können, wie etwa die Weiterführung eines zutiefst antihumanen Kolonialsystems oder auch die Stabilisierung der stalinistischen Pervertierung einer über die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise hinausweisenden Politik.

Wie die Zeit des Kalten Krieges, aber auch inzwischen die neue Epoche der Globalisierung des Kapitalismus, gezeigt haben, kann sich die Menschheit allerdings keineswegs auf diesen Leistungen gleichsam ausruhen. Unsere Generationen werden zeigen müssen, dass auch sie die Hoffnung auf humane Veränderungen der Lage der Menschheit weitertragen können.

Wo da also anfangen?

Das klingt schwieriger als es ist: Die allerersten Schritte für ein humanes Engagement liegen zumeist klar auf der Hand – es geht immer erst einmal darum, den unmittelbar in den Menschenrechten bedrohten Menschen zur Seite zu stehen.

Darüber das hinaus bedarf es sicherlich auch konkreter politischer Strategien, über die wir uns als Humanistinnen und Humanisten nicht ohne weiteres werden einigen können. Wir werden aber doch einsehen können, dass zum einen derartige Konkretisierungen der politischen Strategie unbedingt erforderlich sind, auch wenn wir dafür keine gemeinsame Grundlage finden können, und dass daher zum anderen auch mit politischen Gegenpositionen respektvoll umgegangen und gerungen werden muss – und dass eben das Postulat der Respektierung der Menschenrechte nicht durch strategische oder gar taktische Erwägungen außer Kraft gesetzt werden darf.

Eine politische Debatte, in welcher humanistische Prinzipien als Kriterien zur Geltung gebracht werden, böte dann bessere Chance für tragfähige Lösungen – das heißt für Lösungen, durch die dann tatsächlich eine Humanisierung der Verhältnisse erreicht werden kann, in denen wir als Menschen leben: Also in denen wir die Wahl haben, unser Leben in unseren jeweiligen Lebenszusammenhängen wirklich selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu führen.

Die Fragen stellte Arik Platzek.