Wir waren das Volk
Die neu erschienene 89. Ausgabe von „diesseits“, der Mitgliederzeitschrift des Humanistischen Verbandes, steht ganz im Zeichen des Mauerfalls vor 20 Jahren.
Im Titelbeitrag gibt Werner Schultz Antwort auf die Frage „… Wo steht der HVD heute?“ Die Wende habe dem organisierten Humanismus zu einem großen Auftrieb verholfen.
Exemplarisch stehe dafür der Landesverband Berlin. An der Nahtstelle zweier Systeme trafen Konfessionslose aufeinander. Die aus dem Westen wollten kampfeslustig gegen die Kirche zu Felde ziehen. „Den Menschen aus dem Osten war die Kirche größtenteils herzlich egal, sie hatten keine schlechten Erfahrungen, sie bot ihnen kein Feindbild.“
Werner Schultz lässt nicht nur die vergangenen 20 Jahre Revue passieren, er erinnert gleichfalls an zwei, für den HVD in diesem Jahr, besondere Erfolge. Zum einen war das die erfolgreiche Auseinandersetzung um den Ethikunterricht in Berlin. Gemeinsam, in einem breiten Bündnis mit Parteien, Gewerkschaften und religiösen Gruppen konnte die in Berlin erreichte Trennung von Staat und Religion sensationell verteidigt werden.
Zum anderen war es die Abstimmung des deutschen Bundestages zur Patientenverfügung. Nun ist endlich der Wille des Patienten, der Patientin, Gesetz.
„Der Humanistische Verband hat gezeigt, was er langfristig und aktuell erreichen kann. Darauf dürfen wir mit Recht stolz sein – aber wir werden uns nicht darauf ausruhen!“
Daneben gibt es – wie gewohnt – zahlreiche interessante Meldungen in den Rubriken „Landauf/Landab“. „Aus den Ländern“ informiert über das Bundes-Juhu-Treffen in Hannover, über die Neue Humanistische Hospizinitiative bei den Humanisten Württemberg, über die 23. Berliner Kita auf der Spreehalbinsel Stralau und wie zwei Schüler nach zehn Jahren Lebenskundeunterricht Auschwitz erleben.
Im „Forum“ erklärt Thomas Hummitzsch, was es aus humanistischer Perspektive bedeutet, wenn Anhänger des Marktkapitalismus das Schicksal des Staates übernehmen. Aus dem Turm der Sinne erfährt man eine Menge über Intuition, Kreativität und Phantasie. Dass HVD und Jugendfeier interessanter als erwartet sind, hat Rebecca Aechtner im Beitrag „Jugendfeier goes Kanada“ herausgefunden.
Die Religion hat einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf unsere Sprachentwicklung. Wer schon immer wissen wollte, wo beim „Bfüdi“ der Hergott steckt oder ob der Dahingeschiedene auch abgenippelt sein kann und warum mit jedem Pfennig gespart werden sollte, „… koste es, was wolle“ – der gönne sich Ralph Bachmanns Plauderei über Sprachbilder.
Wie sagte Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?“ Wer schlechte Stiefel hat ist auch gestraft, vom Leben und kommt erst recht zu spät.
GG
