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Deutliche Kritik an der EKD-Kulturbeauftragten Petra Bahr

27. Juni 2012

Nach umstrittenem Vortrag in Karlsruhe: HVD-Präsident Wolf bedauerte verzerrende Darstellungen und plädierte für einen offenen und informierten Diskurs.

Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, hat am Dienstag in einem Schreiben kritisch zu einem Vortrag der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Oberkirchenrätin Petra Bahr, Stellung bezogen.

Die Kulturbeauftragte hatte am vergangenen Mittwoch bei dem von der evangelischen und katholischen Kirche regelmäßig durchgeführten Karlsruher Foyer Kirche und Recht vor Vertretern der Bundesgerichte einen Vortrag mit dem Titel „Salafisten, Atheisten und Co. – die Verschärfung von Weltanschauungskonflikten als Herausforderung der offenen Gesellschaft" gehalten, in dem sie eine Darstellung des derzeitigen Auftretens religiös und weltanschaulich positionierter Gruppen in Deutschland zeigen wollte.

Nach dem Bekanntwerden des Vortrags hatte sich an den Ausführungen der Kulturbeauftragten teils scharfe Kritik entzündet, da die Darstellungen ein verzerrtes und unwirkliches Bild vom Auftreten, den Standpunkten und den Argumenten atheistischer, laizistischer und humanistischer Menschen und ihrer Organisationen zeichneten, sowie gesellschaftliche und historische Entwicklungen teils sehr fehlerhaft beschrieben.

Frieder Otto Wolf begrüßte dabei zunächst das Motiv Bahrs, sich prinzipiell am Modell einer offenen Gesellschaft orientieren zu wollen und ihr Plädoyer, weltanschaulich geprägte Konflikte eher politisch als juristisch auszutragen.

„Doch damit dieser politische Streit auch gelingen kann, ist die Einigung auf einen wirklich offenen, informiert und vorurteilsfrei geführten Diskurs eine unumgängliche Voraussetzung", so Wolf. Hier habe die EKD-Kulturbeauftragte in ihrem Vortrag beim Karlsruher Foyer weniger sorgfältig argumentiert, als es hätte möglich sein müssen.

Frieder Otto Wolf erinnerte in seinem Schreiben deshalb Petra Bahr an Ursachen, wegen derer Menschen in Deutschland die Mitgliedschaft in den Kirchen als Zwang und einen Kirchenaustritt als mit Sanktionen verbunden empfinden. Bahr hatte die Auffassung deutlich gemacht, dass es hier keine Zwänge oder Sanktionen gebe. Dabei verwies Wolf unter anderem auf die Lage von konfessionsfreien, nichtreligiösen und andersgläubigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die im Berufsleben durch die Privilegierungen des kirchlichen Arbeitsrechts vielfach benachteiligt sind.

Kritischer äußerte sich Wolf zu Darstellungen der EKD-Kulturbeauftragten, wonach die wachsende Kritik an den Kirchen, der unvollständigen Trennung von Staat und Kirche oder der Religion selbst aufgrund eines in „zwei Diktaturen herangereifte[n] und von oben verordnete[n] Antiklerikalismus" mehrheitsfähig geworden zu sein scheine.

Wolf: „Die historische Tatsache, dass die Diktatur nach 1933 die in der damaligen Zeit typischen Quellen des Antiklerikalismus, die emanzipativen Strömungen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung sowie der freireligiösen- oder freidenkerischen Vereinigungen, unter vollem Einsatz der staatlichen Gewalt bekämpft hat und derartige Organisationen schon bald nach 1933 verboten worden sind, sollten Sie doch anerkennen können."

Im Widerspruch zu den überspitzten und verzerrenden Darstellungen im Vortrag der Kulturbeauftragten beim Karlsruher Foyer Kirche und Recht sei der organisierte Atheismus und Humanismus in Deutschland heute „vor allem als ein praktischer Humanismus anzutreffen, der seinen Dienst tolerant, dialogfähig und ohne besondere radikale Tendenzen verrichtet, aber leider allzu häufig in den medialen Berichten über die weltanschauliche Landschaft unterschlagen wird, weil er längst eine unspektakuläre Alltagserscheinung geworden ist."

Frieder Otto Wolf äußerte schließlich seine Hoffnung, dass die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr in Zukunft ein wirklichkeitsgetreueres Bild zu zeichnen in der Lage wäre und erklärte, ein Angebot zu einem weiterführenden Dialog anzunehmen, um „einen konstruktiven Austausch von Wissen und Positionen entwickeln zu können."

Hinweis: Das Schreiben an die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr finden Sie im Anhang als Offenen Brief.