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Diffamierung säkularer Gesellschaften ist absurde Polemik

31. Oktober 2011

Frieder Otto Wolf begrüßt Benedikts XVI. Attest zum Konfliktpotential religiöser Ideen. Päpstliche Umdeutung der Shoa zur Folge atheistischer Haltungen ist ein „perfider Akt".

Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verband Deutschlands, hat Äußerungen von Benedikt XVI. zu religiös motivierter Gewalt beim Friedenstreffen in Assisi begrüßt. Der Papst hatte in einer Rede am Donnerstag in Anwesenheit von Vertretern verschiedener Religionen festgestellt, dass religiöse Ideen Motive und Rechtfertigung für Gewalt bilden können. Das sollte für Gläubige zutiefst beunruhigend sein, sagte der Papst. Er forderte die Gläubigen dazu auf, „Pilger der Wahrheit und des Friedens" zu werden.

„Papst Benedikt XVI. ist hier einen notwendigen Schritt gegangen, der aber nicht der letzte sein sollte. Die Anerkennung des gewalt- und konfliktträchtigen Potentials eines nicht offen reflektierten Glaubens an Übernatürliches oder als heilig eingestufte Schriften bleibt unverzichtbar, wenn Ursachen von Konflikt und Gewalt auf der Welt ernsthaft erörtert werden sollen", sagte Frieder Otto Wolf dazu. Die häufigen Versuche Gläubiger, die Wirkung religiöser Ideen und Überzeugungen für die Entstehung von Gewalt einer Diskussion pauschal zu entziehen, werden nun offenbar auch vom Papst nicht gebilligt. Benedikts XVI. Appell an die Gläubigen, sich für Frieden einzusetzen, ist zu begrüßen.

Zugleich jedoch erneuerte das Kirchenoberhaupt seine Polemik gegen Auffassungen nichtreligiöser und säkularer Gemeinschaften. Benedikt XVI. behauptete in seiner Rede in Assisi, die in diesen verbreitete Ablehnung des Glaubens an Übernatürliches würde zur Herabwürdigung des menschlichen Wesens führen. Benedikt XVI. meinte zudem, die Existenz der deutschen Konzentrationslager sei eine Konsequenz solcher Gottesferne gewesen. Die Ablehnung von Göttern korrumpiere die Menschen, beraube sie ihrer Maßstäbe und führe zur Legitimation grenzenloser Gewalt, hieß es weiter.

„Diese Diffamierung säkularer Gesellschaften und nichtreligiöser Menschen ist eine absurde Polemik: Sie beleidigt Millionen konfessionsfreier Menschen nicht nur in Deutschland, die ihr Leben auf Basis positiver ethischer Grundsätze führen und sich für unsere Gesellschaft engagieren, ohne dafür zusätzlich noch auf Religion zurückzugreifen", sagte Wolf zu diesen Papstworten. Die Shoa als atheistisches Phänomen darzustellen, ist „ein perfider Akt des Kirchenführers und entwertet dessen übrige Rede", entbehrt ferner mit Blick auf den in Europa während vieler Jahrhunderte durch das Christentum verankerten Antisemitismus schließlich auch jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Der erneute Versuch des Papstes, Atheisten und nichtreligiöse Gesellschaften auf diese Weise zu dämonisieren, könnte nur noch als Ausdruck seine Angst vor einer auf der ganzen Welt fortschreitenden Säkularisierung, ein Ergebnis von Wissenschaft und zunehmender Verbreitung von Wissen, verstanden werden, so Wolf weiter. „Eine mögliche Furcht davor entbindet Herrn Ratzinger aber nicht von der persönlichen Pflicht zur Redlichkeit, in intellektueller und praktischer Hinsicht." Frieder Otto Wolf wies in diesem Zusammenhang nochmals daraufhin hin, dass die säkularsten demokratischen Gesellschaften auf der Erde laut allen in wissenschaftlicher Weise gewonnenen Erkenntnissen zugleich die friedlichsten und gewaltfreiesten sind. Er erinnerte auch daran, dass Atheisten und freidenkerische Organisationen seit Beginn der Nazi-Diktatur verboten und verfolgt worden waren. Die von Benedikt XVI. verbreiteten Thesen erwiesen sich insofern erneut als haltlos.

Das vom Papst in Assisi gezeigte Ansinnen, eine Blockbildung zu betreiben, die einen Gegensatz zwischen Atheisten, Agnostikern und Menschen mit religiösen Überzeugungen aufbaut, kritisierte Wolf ebenfalls. In diesem Zusammenhang meinte Benedikt XVI., die Gläubigen sollten ihren Glauben klären um die den „echten Gott Suchenden" vor der „falschen Sicherheit" von „militanten Atheisten" bewahren zu können. Frieder Otto Wolf bemängelte diesen Versuch, einen Keil zwischen überzeugte Atheisten und die Menschen zu treiben, welche die Antwort auf „die lebenspraktische Detailfrage" zur Existenz von einem oder mehreren Göttern offen gelassen haben. Die menschliche Suche nach Erkenntnis und das Streben nach Frieden unter Gläubigen und agnostisch eingestellten Menschen zu instrumentalisieren, damit die im Lichte heutiger Forschung geschwächte Stellung der offiziellen katholischen Theologie und Kirche gestärkt wird, ist aus humanistischer Perspektive jedenfalls kein legitimes Unterfangen.

Wolf plädierte deshalb dafür, dass Atheisten, Agnostiker und Gläubige unberührt von Benedikts XVI. diffamierenden und unzutreffenden Thesen stärker den direkten Dialog miteinander zu suchen, um die tatsächlich vorhandenen Auffassungen, Erfahrungen und Perspektiven in der persönlichen Begegnung kennenzulernen und so ungerechtfertigt verbreitete Vorurteile auf allen Seiten zu überwinden. „Wer ernsthaft anstrebt, eine Pilgerin oder ein Pilger der Wahrheit und des Friedens zu werden, könnte durch einen unmittelbaren Austausch von Ideen gewiss gewinnen, auch mit ernsthaft fragenden atheistisch und säkular eingestellten Personen", sagte Wolf.